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Bewegungsapparat · Angiologie

Beinschmerz: coxogen, muskulär, vertebragen oder vaskulär?

Sechs Fragen aus Anamnese und Status genügen in den meisten Fällen für die Zuordnung. Weitere Befunde lassen sich bei unklarem Bild ergänzen. Die Anwendung gewichtet die Angaben und nennt die führende Hypothese samt nächsten Schritten.

Schnellpfad

Zwölf Fragen

Diese zwölf Punkte trennen die vier Ursachen am zuverlässigsten. Nicht beurteilbare Fragen können offen bleiben – die Gewichtung passt sich laufend an. Entscheidend sind vor allem der zeitliche Beginn, das Verhalten bei den ersten Schritten und die Reproduzierbarkeit durch Palpation, Dehnung und Anspannung.

Verfeinerung

Weitere Befunde

Nur nötig, wenn der Schnellpfad kein klares Bild ergibt. Zutreffendes anklicken.

Sicherheit

Warnzeichen

Diese Befunde ändern das Vorgehen unabhängig von der Zuordnung.

Nachschlagen

Merkmal Coxogen Muskulär Vertebragen / lumboradikulär Vaskulär
Schmerzort Leiste, ventraler Oberschenkel bis Knie, Gesäss lateral Umschrieben im Muskelbauch oder am Sehnenansatz, exakt zeigbar LWS und Gesäss, Ausstrahlung dermatomal unter das Knie Wade, seltener Oberschenkel oder Gesäss (aortoiliakal)
Beginn Schleichend über Monate bis Jahre Schlagartig während einer Bewegung oder über Stunden nach Belastung Schleichend, oft schubweise Schleichend über Monate
Auslöser Anlauf nach Ruhe, Rotation, Treppe, An- und Ausziehen Ungewohnte oder gesteigerte Belastung, abrupte Bewegung, Trainingsfehler Gehen und Stehen, Reklination, Bergabgehen Gehen, verstärkt bergauf und bei höherem Tempo
Gehstrecke Zunehmend, nicht scharf begrenzt Schmerz beim Gehen möglich, aber ohne reproduzierbare Grenze Wechselnd, tagesformabhängig Konstant und reproduzierbar, auf etwa 50 m genau
Zeitpunkt im Gehverlauf Bei den ersten Schritten, Besserung beim Warmwerden Bei den ersten Schritten, Besserung beim Warmwerden Zunehmend mit Gehdauer und Stehen Beschwerdefreier Beginn, Schmerz erst nach fixer Strecke
Linderung Ruhe, Entlastung, Wärme Schonung, Dehnung in Grenzen, Wärme; Besserung über Tage bis Wochen Hinsetzen, Vornüberbeugen; Velofahren möglich Stehenbleiben genügt, Besserung in 2–5 Minuten
Nachtschmerz Beim Liegen auf der betroffenen Seite Selten; eher Muskelkrämpfe oder Anlaufschmerz am Morgen Selten, eher lageabhängig Vorfussschmerz, Besserung beim Herabhängen (kritische Ischämie)
Schlüsseltest Innenrotation der Hüfte schmerzhaft oder eingeschränkt Umschriebener Palpationsschmerz plus Schmerz bei Dehnung und Anspannung gegen Widerstand Lasègue, Reflexdifferenz, dermatomales Defizit Fusspulse und Knöchel-Arm-Index
Verlauf Langsam progredient Deutliche Besserung in ein bis drei Wochen Schubweise, oft über Monate stabil Stabil oder langsam progredient, keine Spontanheilung
Bestätigung Beckenübersicht ap und axial Klinisch; Sonographie bei Verdacht auf Faserriss oder Hämatom MRI der LWS bei Ausfällen oder Therapieresistenz ABI, danach Duplexsonographie
Häufigster Fallstrick Bursitis trochanterica als «Koxarthrose» fehlgedeutet Wadenschmerz beim Gehen vorschnell als Claudicatio gewertet Femoralis-Dehnungstest nicht geprüft, L3/L4 übersehen Tastbare Pulse schliessen eine PAVK nicht aus – ABI messen
Untersuchungstechnik in Kürze
  • Hüft-Innenrotation: Rückenlage, Hüfte und Knie 90° gebeugt, Unterschenkel nach aussen führen. Schmerz in der Leiste oder ein Seitenunterschied von mehr als 15° ist der empfindlichste Einzelbefund der Koxarthrose. Alternativ in Bauchlage bei gestreckter Hüfte.
  • FABER (Patrick): Flexion, Abduktion und Aussenrotation; Ferse auf das Gegenknie. Leistenschmerz spricht für die Hüfte, Schmerz dorsal eher für das Iliosakralgelenk.
  • Lasègue: Rückenlage, gestrecktes Bein anheben. Positiv, wenn unter 60° der typische ausstrahlende Schmerz unter das Knie ausgelöst wird – nicht bei blossem Ziehen in der Kniekehle.
  • Umgekehrter Lasègue: Bauchlage, Knie beugen und Hüfte strecken. Schmerz ventral am Oberschenkel spricht für eine Wurzel L3 oder L4 – der wichtigste Fallstrick gegenüber der Koxarthrose.
  • Fusspulse: A. dorsalis pedis und A. tibialis posterior beidseits, zusätzlich A. poplitea und A. femoralis. Die A. dorsalis pedis fehlt bei rund 8 Prozent der Gesunden anlagebedingt – ein einzelner fehlender Puls beweist nichts.
  • Knöchel-Arm-Index: höherer Knöcheldruck geteilt durch den höheren Armdruck. Unter 0.90 pathologisch, 0.90 bis 1.00 grenzwertig, über 1.40 mediasklerotisch nicht verwertbar – dann Zehendruck bestimmen.
  • Ratschow: Rückenlage, Beine 2 Minuten senkrecht mit kreisenden Füssen. Abblassen der Sohle und verzögerte Reaktive Hyperämie nach dem Absenken sprechen für eine arterielle Verschlusskrankheit.
Weitere Ursachen bedenken
  • Bursitis trochanterica und Glutealsehnen-Tendinopathie: lateraler Hüftschmerz, punktueller Druckschmerz über dem Trochanter, Schmerz beim Liegen auf der Seite. Häufigste Fehldiagnose «Koxarthrose».
  • Iliosakralgelenk: Schmerz dorsal, Provokationstests positiv, Hüftrotation frei.
  • Meralgia paraesthetica: rein sensible Missempfindung lateraler Oberschenkel, keine motorischen Ausfälle, kein Schmerz unter dem Knie.
  • Gonarthrose: übertragener Schmerz von der Hüfte zum Knie ist häufig – bei Knieschmerz ohne Kniebefund immer die Hüfte untersuchen.
  • Polyneuropathie: strumpfförmig, beidseits, brennend, ruheunabhängig, nachts stärker; Vibrationsempfinden und Achillessehnenreflex vermindert.
  • Venös: Schweregefühl, abends zunehmend, Besserung beim Hochlagern und beim Gehen – umgekehrtes Muster zur arteriellen Claudicatio. Tiefe Venenthrombose und rupturierte Baker-Zyste als akute Differenzialdiagnosen.
  • Selten: Popliteales Entrapment-Syndrom oder zystische Adventitiadegeneration bei jungen sportlichen Patienten mit Claudicatio.
Verwandte Anwendungen